„Reden vor Publikum: Mit Toastmasters das Lampenfieber besiegen“ von Caterina Saccani (Gastbeitrag)

6. Februar 2018 um 08:00

Kommunikationsfähigkeit, Führungskompetenz, Rhetorik, wertschätzend Feedback geben: Sogenannte „Soft Skills“ sind derzeit im Trend. Sie werden von Nachwuchs-Führungskräften, Solo-Unternehmern und Mitarbeitern in vielen Bereichen erwartet und in teuren zweitägigen Seminaren mit selbstbewussten Trainern vermittelt. Wenn Sie diese Kompetenzen dauerhaft trainieren möchten, am liebsten in einer netten Umgebung mit Gleichgesinnten, habe ich einen guten Tipp für Sie. Bei der Organisation Toastmasters International www.toastmasters.org können Sie Teil einer Community werden, in der diese Fähigkeiten regelmäßig, das heißt einmal die Woche, geübt und trainiert werden. Und es kostet keine horrenden Summen, sondern nur einen überschaubaren jährlichen Mitgliedsbeitrag.

Caterina Saccani

Caterina Saccani, Übersetzerin*

Toastmasters-Clubs gibt es in fast jeder größeren Stadt. In Großstädten wie München, Frankfurt oder Köln gibt es sogar mehrere Clubs, die unterschiedliche Schwerpunkte haben.

Toastmasters International:

  • gegründet: 1924 in Santa Ana, California
  • Mitglieder: 352.000 in 141 Ländern
  • Clubs weltweit: 16.400

Ich bin Anfang 2016 Mitglied bei den Aachener Toastmasters geworden. Seitdem möchte ich die wöchentlichen Treffen und die geniale, wertschätzende Atmosphäre nicht mehr missen. Ich bin kommunikativer geworden und habe gelernt, Körpersprache und Stimme, aber auch visuelle Hilfsmittel – etwa eine Powerpoint-Präsentation oder einen Gegenstand – gezielt einzusetzen, um die Botschaft meiner Rede zu verstärken.

Tschüss Lampenfieber, hallo positive Energie

Caterina übersetzt simultan

Lampenfieber?*

Bedeutet das, dass ich jetzt nicht mehr mit Lampenfieber zu kämpfen habe, wenn ich vor einem Publikum das Wort ergreifen muss? Schön wär’s! Die Aufregung ist immer noch da und begleitet mich, egal, ob ich bei einem Netzwerktreffen mein Unternehmen vorstellen oder bei einer internationalen Übersetzerkonferenz einen Vortrag halten soll. Allerdings habe ich gelernt, das Beste aus dieser Redeangst zu machen, sie unter Kontrolle zu halten und in positive Energie umzuwandeln. Außerdem habe ich die Möglichkeit, wenn ich das möchte, einen Vortrag, den ich bald halten muss (eventuell in gekürzter Fassung) vor meinen Fellow-Toastmasters zu üben und ein allgemeines Feedback sowie viele konkrete, wertvolle Tipps zum Aufbau und meiner Vortragsart zu erhalten.

Durch die aktive Mitwirkung bei der Organisation habe ich außerdem gelernt, meine Führungskompetenz (Leadership) zu stärken. Seit anderthalb Jahren bin ich Mitglied im Vorstand und für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Zu meinen Aufgaben gehören die Kontakte zu den Medien, das Mit-Betreuen der Facebook-Seite sowie die Koordination von PR-Kampagnen. Neulich habe ich die Veröffentlichung unseres ersten Club-Newsletters betreut und musste lernen, ein Projekt zu koordinieren, dabei den Überblick zu behalten und, ganz wichtig, zu delegieren. Denn ich konnte unmöglich alleine das gesamte Projekt auf die Beine stellen.

Übrigens, die Organisationsfähigkeit wird auch jedes Mal geübt, wenn ich bei den Toastmasters-Abenden die Rolle des Toastmasters – also des Moderators für den Abend – übernehme, weil ich dann für die Planung zuständig bin, das Bewerterteam zusammenstelle und einiges delegieren muss.

Ein Abend bei den Toastmasters in Aachen

Aber jetzt fragen Sie sich bestimmt, was wir Toastmasters tatsächlich machen und wie ein typischer Abend so abläuft. In Aachen treffen sich die Club-Mitglieder jeden Dienstag, an dem immer im Wechsel ein deutsch- oder ein englischsprachiger Abend stattfindet.

Freie Rede bei den Toastmasters üben

Übung macht den Meister**

Der erste Teil des Abends ist den vorbereiteten Reden gewidmet. Zwei oder drei Clubmitglieder tragen kurze Reden (5 bis 7 Minuten) über ein beliebiges Thema vor und schließen damit ein Redeprojekt aus einem der von Toastmasters International zur Verfügung gestellten Handbücher ab. Jedes Projekt verfolgt ein anderes Ziel, zum Beispiel: „Organisieren Sie Ihre Rede“ (Projekt 3), „Stimmenvielfalt“ (Projekt 5) oder „Recherchieren Sie Ihr Thema“ (Projekt 7). Nach jedem Redebeitrag hat das Publikum genau zwei Minuten Zeit, ein Feedback auf einen Zettel zu schreiben und dem jeweiligen Redner zu geben. Feedback wird bei den Toastmasters großgeschrieben.

Nach den vorbereiteten Reden kommen die Stegreif-Reden. Ein Stegreif-Rede-Moderator (auf Englisch Table Topic Master) stellt eine Frage und holt ein Mitglied oder einen Gast auf die Bühne, der eine kurze, improvisierte Rede (1 bis 2 Minuten) darüber halten muss. „Harmlose“ Fragen lauten zum Beispiel:

    • „Was ist die erste Erinnerung aus deiner Kindheit?“
    • „Wenn du deinem jüngeren selbst einen Tipp geben könntest, was wäre das?“

Manchmal sind die Fragen aber etwas anspruchsvoller: Dann wird der Redner zum Beispiel aufgefordert, sich in eine bestimmte schwierige Situation hineinzudenken, und gefragt, wie er aus der Nummer kommen würde. Ich musste zum Beispiel einmal erklären, wie ich mit einem Mord davonkommen könne, und ein anderes Mal, was ich tun würde, wenn ich auf dem Flughafen, unterwegs zu einem Wanderurlaub, feststellen sollte, dass ich meine Wanderschuhe im Taxi vergessen habe und mein Flug in einer halben Stunde geht.

Aufmerksame Zuhörer

Aufmerksame Zuhörer**

Einfach ist es zwar nicht, allerdings muss man die Fragen nicht wahrheitsgemäß beantworten und hat 30 Sekunden Zeit zu überlegen, was man erzählen will. Es ist immer wieder erstaunlich, wie Leute, die beim ersten Mal sehr unsicher und nervös waren, schon beim zweiten oder dritten Mal das Publikum mit kreativen, unerwarteten Stegreif-Reden aus den Schuhen hauen. Oft entwickeln sich die Stegreif-Reden in eine unerwartete Richtung und haben einen hohem Unterhaltungswert. Nicht selten liegen wir flach auf dem Boden vor Lachen.

Wichtige soft skills: Bewerten und Feedback geben

Nach einer kurzen Pause werden alle Reden, sowohl die vorbereiteten als auch die improvisierten Reden, von den anderen Clubmitgliedern bewertet. Denn auch die Kunst, eine fremde Rede auf unterschiedliche Aspekte zu analysieren, strukturiert zu bewerten und dazu wertschätzendes, konstruktives Feedback zu geben, will gelernt sein. Ein guter Redebewerter sollte dem Redner konkrete Tipps geben, Kritik mit Lob ausbalancieren und das alles in ein konstruktives, strukturiertes Feedback einbauen können.

Bewertet werden aber auch die Arbeit des Moderators – und die Bewerter selbst! Zum Schluss kommen nämlich andere Helfer zu Wort, die an dem Abend auf einzelne Aspekte der Rhetorik geachtet haben, und ihren Bericht dazu abgeben. Dabei dürfen sie kreativ werden. So kann der Sprachstil-Bewerter (auf Englisch „Grammarian“) nicht nur auf Grammatikfehler hinweisen, sondern auch darauf eingehen, welche Ausdrücke – im Englischen oder im Deutschen – ihm gut gefallen haben. Auf diese Weise werden andere Teilnehmer, die eventuell keine Muttersprachler sind, darauf aufmerksam und merken sich besonders gelungene Wörter, Ausdrücke oder Redewendungen.

Der Füllwörter-Zähler („Ah-Counter“) muss nicht nur berichten, wer wie viele Ähs verwendet hat. Er kann sein Feedback humorvoll gestalten und Tipps geben, wie man sich die Nutzung von Füllwörtern abgewöhnt. Wichtig ist auch die Rolle des Zeitnehmers, der prüft, ob alle Redner in der von den Handbüchern vorgegebenen Zeit geblieben sind und somit zum „Redner des Abends“ oder „Bewerter des Abends“ gewählt werden können.

Moderatorin Ashika

Der Moderator darf den Ablauf ändern**

Das ist der typische Ablauf. Der Moderator des Abends hat allerdings die Freiheit, diesen Ablauf komplett auf den Kopf zu stellen: Er kann die Reihenfolge umkehren, neue Rollen erfinden und das Treffen in einer anderen Location oder in Form eines Special Events veranstalten. Im November hat zum Beispiel ein Mitglied einen Corporate Event in seiner Firma organisiert und zwei hochkarätige Führungskräfte als Redner gewonnen.

Ach ja: Wer richtig ehrgeizig ist und sich mit anderen Rednern deutschlandweit messen möchte, kann seine Sternstunde bei Wettbewerben in der Region und deutschlandweit erleben. Ein Support-Team zum Anfeuern fährt meistens auch mit.

Falls Sie Lust haben, die besondere Stimmung eines Abends zu erleben und sich weiterzuentwickeln, können Sie jederzeit als Gast bei uns in Aachen vorbeischauen oder einen Club in Ihrer Stadt besuchen. Die Toastmasters freuen sich immer über Gäste!

Steckbrief Toastmasters Aachen:

  • gegründet 2013
  • Mitglieder 44
  • Sprache: abwechselnd Deutsch und Englisch
  • Treffen immer Dienstags um 19:30 Uhr
  • Ort: Pavillion der Stadtbibliothek Aachen, Couvenstraße 15
  • Gäste jederzeit (auch ohne Anmeldung) willkommen!

Die Aachener Toastmasters treffen sich jeden Dienstag um 19:30 Uhr bis ca. 21:30 Uhr. Danach gehen wir gemütlich zusammen etwas essen und trinken.
Warum Toastmasters? Englisch „Give a Toast“ heißt auf Deutsch „eine Rede halten“.

FOTOS:
*Caterina Saccani www.saccani-translations.de
**Daniel Wirtz www.danielalex.co

WEITERE GASTBEITRÄGE:

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